Gewalttabu beim Deutschen Computerspielpreis

Anmerkung: Dieser Blogeintrag ist genau der selbe, den ich auch für den ‚Verband für Deutschlands Video- und Computerspieler‚ geschrieben habe. Ich veröffentliche ihn hier aber auch, damit hier auch mal was neues steht.

Man hätte ihn fast verschlafen können, den Deutschen Computerspielpreis, da einem im Vorfeld nur wenige Meldungen erreichten, die ihn in der Sache ankündigten. Die Tatsache, dass er überhaupt vor einigen Tagen stattfand, nahmen viele wohl erst wahr, als sich die ersten Kommentare und Presseberichte erschienen, welche über den Skandal bei den Nominierungen berichteten.

<em>„Für den deutschen Filmpreis ist dieses Jahr unter anderem der Baader-Meinhof-Komplex nominiert. Hätte ein Entwicklerstudio die RAF-Ballerorgie aus dem Hause Eichinger als Computerspiel umgesetzt, es hätte beim deutschen Computerspielpreis keine Chance gehabt. […] Spiele mit einer Altersfreigabe ab 16 oder 18 Jahren fanden sich in keiner der preiswürdigen Kategorien. Dem Thema Gewaltspiel gingen die Veranstalter somit trotz aktueller Diskussion um das Verbot von Killerspielen weitestgehend aus dem Weg“</em>

So schrieb Mirjam Hauck (<a title=“Sueddeutsche.de“ href=“http://www.sueddeutsche.de/computer/43/463649/text/&#8220; target=“_blank“>Sueddeutsche.de</a>) 2009 über den ersten Deutschen Computerspielpreis, welcher in München stattfand. Fairerweise muss man sagen, dass es damals nicht sonderlich viele Titel jenseits der USK 12 zur Auswahl gab, die man hätte nominieren und küren können. Allerdings hatte man sich in der Kategorie „Bestes internationales Spiel“ von der Fachjury „Grand Theft Auto IV“ gewünscht. „GTA IV“ wäre wegen seiner spannend inszenierten Geschichte, welche nicht mit Seitenhieben und Referenzen auf die Gesellschaft der USA geizt, ein würdiger Kandidat gewesen. Leider ist dieses Spiel auch ab 18, da wiederum die Art wie sich das Spiel inszeniert nichts für Kinder ist. Somit konnte man die Hauptjury, welche hauptsächlich aus Politikern und Pädagogen besteht, von dem Spiel nicht überzeugen. Stattdessen wurde „Little Big Planet“ und „Wii-Fit“ ausgezeichnet, zwei besonders kinder- und familienfreundliche Spiele, und man konnte ahnen in welche Richtung der Preis in Zukunft tendieren würde.

<em>„Im nächsten Jahr wird der Deutsche Computerspielpreis in Berlin verliehen. Vielleicht hilft die räumliche Nähe zum großen Bruder Filmpreis dabei, alle Facetten der Branche zu würdigen – und nicht nur Kommerz-Kuschel-Pädagogik.“</em>

So schloss Frau Hauk ihren Artikel, jedoch sollte sie Unrecht behalten. Waren die Preisträger in diesem Jahr eher unbekannt oder vorhersehbar, wie das durchaus hervorragende Aufbaustrategiespiel Anno 1404, gab es auch in diesem Jahr erneut ein Eklat bei  den Nominierten in der Kategorie „Bestes internationales Spiel“. Auch dieses Mal schlug die Fachjury Spiele vor, welche den Hauptjuroren nicht genehm waren. Bei der diesjährigen Verleihung waren die beiden Titel „Dragen Age: Origins“ und „Unchartet 2“ die auserkorenen, welche dem Preis gewissermaßen seine <em>Credibility</em> zurückbringen sollte. Ersteres Spiel ist eine etwas erwachsener Umsetzung einer Tolkien entlehnten Fantasywelt, während „Unchartet 2“ sich in Punkto Story an die Indiana Jones-Filme und in Punkto Action an die neuen James-Bond-Filme anlehnt. Doch leider waren auch dieses Jahr Spiele, in denen auch nur im Ansatz das Thema Gewaltausübung (durch die Spielfigur und somit den Spieler) dargestellt wird, nicht erwünscht. Dies erscheint nicht sonderlich verwunderlich, wenn man bedenkt, dass in der Hauptjury Personen wie Wolf-Dieter Ring, seines Zeichens Chef der Kommission für Jugendmedienschutz, vertreten sind. Dieser soll angeblich vor ein paar Jahren auf den Münchner Medientagen gesagt haben, dass das ‚gute‘ am Jugendschutz ja sei, dass auch Erwachsene nicht so einfach an die entsprechenden Produkte kommen könnten. <em>„Ring bringt zu den Jury-Sitzungen manchmal eine Assistentin mit, die geringschätzig den Kopf schüttelt, wenn einer der Jüngeren für ein Spiel spricht, in dem auch geschossen wird“</em>, schreibt Thomas Lindemann (<a title=“Welt.de“ href=“http://www.welt.de/die-welt/kultur/article7370469/Eine-Raeuberpistole.html&#8220; target=“_blank“>Welt.de</a>) in seinem Artikel im Vorfeld der diesjährigen Preisverleihung. Man kann sich also vorstellen welche Spiele hier ausgezeichnet werden und welche eher nicht.

Unter solchen Vorraussetzungen kann das natürlich nichts werden, wenn man die Jury mit Leuten besetzt, welche Computerspiele im besten Fall nur als Produkt für Kinder ansehen und nicht als ausgewachsenes Medium, welches von allen Altersklassen konsumiert und geschätzt wird. Und so kam es wie es kommen musste. Die beiden Vorschlage (zusammen mit der chancenlosen Nominierung des Puzzelspieles „Professor Layton und die Büchse der Pandora“) wurden über Bord geworfen und man beabsichtigte keinen Preis in der Kategorie „Bestes internationales Spiel“ zu vergeben. Das fanden die Branchenvertreter aber gar nicht gut und übten Druck auf die Jury aus, dass wenn sie schon die Hälfte des Preisgeldes bestreiten, man doch wenigstens ihre Titel auszeichnen solle. Dies mag man nun als Lobbyismus auslegen, erscheint einem vor dem Hintergrund, dass für das „Beste internationale Spiel“ kein Preisgeld vergeben werden (immerhin gibt es ansonsten insgesamt 500.000€ zu gewinnen) doch eher wie ein Hilferuf, dass man Computerspiele endlich ernst nehmen solle. Letztendlich gewonnen hat Anno 1404 ein zweites Mal — da es kurzerhand unter seinem internationalen Namen „Dawn of Discovery“ nachnominiert wurde.

Dabei hatte man sich diese Jahr vorgenommen es besser zu machen als beim letzten Mal. Die Ausrichter des Preises waren anwesend und auch die Politik (in Form von Kulturstaatsminister Bernd Neumann und Bürgermeister Klaus Wowereit) war anwesend und nicht so wie im letzten Jahr, als Ministerpräsident Horst Seehofer kurz vor Beginn absagte (er war angeblich lieber auf einer Veranstaltung eines Schützenvereins). Auch wurden im Vorfeld keine provokanten Pressemitteilungen von Politkern veröffentlicht, welche unter dem Eindruck von dem Amoklauf von Winnenden entstanden. Man hatte dieses mal vernünftige Laudatoren organisiert (u.a. die beiden Moderatoren Simon und Budi von MTV GameOne, Schauspieler Matthias Schweighöfer, Sänger Oli P. sowie die Moderatorin der 3sat-Sendung „neues“ Yve Fehring). Doch dies alles kann nicht über den grundlegenden Konflikt innerhalb der Preisvergabepraxis hinwegtäuschen. Eine Jury die nach eigenem Gutdünken, ohne die Spiele zu kennen, über die sie urteilt und sie nach persönlichen Moralvorstellungen aussortiert, ist keine gute Jury.

Erst vor kurzem lobte Staatsminister Neumann den neusten Film von Quentin Tarantino ,„Inglourious Basterds“. Beim Deutschen Computerspielpreis legte Neumann jedoch besonderen Wert darauf, dass die Nominierten „pädagogisch Wertvoll“ seien sollen. Ob Tarantinos Streifen nun ein guter Film ist oder nicht, sei erst einmal dahingestellt, jedoch erscheint es merkwürdig, wenn beim Medium Computerspiel andere Maststäbe angesetzt werden als beim Medium Film. Man kann halt nicht Wasser predigen und dann selber Wein trinken, wenn es gerade opportun ist (auch wenn wir uns alle über den Oscar für Christoph Waltz gefreut haben). Beim nächsten Mal können die Veranstalter zeigen, ob sie etwas aus diesem Jahr gelernt haben. Dann wird die Jury über Titel wie „Heavy Rain“ urteilen, einer der ersten Spiele aus der Kategorie „interaktiver Film“. Sollten jedoch wieder Spiele aussortiert und durch andere ersetzt werden, welche eher der Sauberkeitsvorstellung der Hauptjury entsprechen, ist der Deutsche Computerspielpreis endgültig zur Preisverleihung für <em>Kommerz-Kuschel-Pädagogik</em> verkommen und wird in die Bedeutungslosigkeit abdriften.

Da von der Seite der Politik oder der Jugend- und Sittenwächter so schnell keine Besserung in Sicht ist, sollte man an die Vertreter der Branche und aus der Fachjury appellieren, sie möge sich darüber Gedanken machen, ob sie nicht vorher schon die Notbremse ziehen möchte. Wenn man es bei diesem Preis nicht schafft, dass jedwedes Spiel ausgezeichnet werden kann, sondern das er ein „moralisch unbedenklicher Kinderspielpreis“ bleibt, wird es vielleicht Zeit zu überlegen, ob die dort eingesetzte Energie, Zeit und Gelder nicht an anderer Stelle besser aufgehoben ist. Mehr Akzeptanz von Computer- und Videospielen als eigenständiges Medium und als vollwertiges Kulturgut wird man nämlich nicht erreichen, wenn man sich vor unbequemen Themen verschließt – zumal das bei anderen Preisverleihungen, wie zum Beispiel in der Filmbranche, auch nicht der Fall ist. Solch eine Preisverleihung wie in den vergangenen beiden Jahren ist weder der Branche, der Fachjury, der anwesenden Fachpresse, dem Publikum, den Spielen noch letztendlich den Spielern angemessen.

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