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Bundestagswahl 2013

Ja, ich weiß.  Wieder einer dieser Blogposts, der uns erzählt, was wir besser machen sollen. Hätten machen sollen. Rein nüchtern betrachtet haben haben wir 100.000 neue Wähler für uns gewinnen können. Kurioserweise haben wir sogar mehr Erst- als Zweitstimmen bekommen. Das wir zwischendurch natürlich mit ganz anderen Zahlen gerechnet haben ist klar. Somit komme auch ich zu dem Schluss, dass wir ziemlich verkackt haben. Dieser Wahlkampf hatte viele Tücken. So war es ein Zuspitzungswahlkampf zwischen CDU und SPD, wo es daneben eben kaum Platz für andere Parteien gab. Den Platz des es aber gab wurde dieses mal von einer rechtspopulistischen Partei eingenommen, die es beinahe sogar geschafft hätte in den Bundestag einzuziehen. Was ich so gehört habe und was ich auch hoffe ist, dass nicht jeder AfD-Wähler wusste, dass das Nazis sind (zumal es ihnen ja kaum einer gesagt hat).

Nun, was lernen wir aus dieser Bundestagswahl? Nun, es ist die zweite Bundestagswahl, an der wir teilnahmen, in der wir eines unserer „Kernthemen“ bespielen konnten und bei 2% gelandet sind. Hier in Hamburg haben wir uns sicherlich den Arsch aufgerissen, Infostände gemacht, geflyert, Plakate aufgestellt – Andere weiß Gott deutlich mehr als ich. Dafür haben wir auch ein Ergebnis erhalten, dass über dem Bundesschnitt liegt, wenn auch tlw. nur leicht. Wir haben auch in den meisten Wahlbezirken Stimmen dazugewinnen können, dies bewegt sich aber im Bereich von 0,1 und 0,2%.  Man merkt also, egal wieviel Straßenwahlkampf wir machen, wir werden damit keinen Bundestagseinzug schaffen, wenn die äußeren Rahmenbedingungen gegen uns sprechen. Das hat man allerdings auch schon in Niedersachsen gesehen. Erneut identifiziere ich die Massenmedien als wichtigen Faktor um seine Botschaften unters Volk zu bringen. Kommt man dort nicht vor, kommt man nicht vor,

Man kann natürlich an dieser Stelle anbringen inwieweit die Medien mit uns Fair umgegangen sind. Man kann ihnen die Schuld, eine Teilschuld, geben, über sie schimpfen oder sonstiges. Klar, dieser Punkt läd dazu ein Fragen zu stellen – was ich ja auch immer gerne tue – allerdings sollte der Schluss, denn man zieht nicht sein, dass die alle doof sind, sondern, dass Medienaufmerksamkeit nichts ist, was einen in den Schoß fällt, sondern etwas ist, dass man sich erarbeiten und verdienen muss – so scheint das Spiel halt leider zu funktionieren, deal with it. Journalisten sind auch nur Menschen, die wir mit nicht eingelösten Versprechungen enttäuschen können – wie eben unsere Wähler. Wenn man dann noch eine suboptimale Wahlkampfstrategie hat, wie @dominikrzepka hier gut analysiert, sind die 5% relativ unwahrscheinlich. Vielleicht hätten wir aber auch nichts anderes machen können. Das sich nun einige Hansel hinstellen, Kernthemen beschwören und kurz vor der regulären Neuwahl meinen, dass Personen aus dem Vorstand zurücktreten sollten, ist nicht nur grober Unfug sondern eben auch genau dass, was weder jetzt, noch im Wahlkampf hilft. Und ob die SMV nun der letzte Weisheit Schluss ist, halte ich auch für Fragwürdig – mich hat am Infostand danach zumindest keiner gefragt.

Das heißt aber nicht, dass es mit den Piraten auf immer und ewig vorbei ist. Anders als Dominik Rzepka glaube ich zum Beispiel nicht, dass wir eine „historische Chance“ verpasst haben. Was wir tatsächlich verpasst haben ist eine Abkürzung in den Bundestag. Diese sind in der Regel nur selten vorhanden, allerdings eben auch nur genau das – Abkürzungen. Der reguläre Weg ist nämlich lang und steinig und geht über Bezirks- und Landespolitik. Wenn wir dort zeigen, dass wir vernünftige Arbeit leisten, wird man uns auch wählen. Dort wo wir dies tun, liegen wir oft genug auch über dem Bundesschnitt. Wenn wir das konstant weiter schaffen, haben wir bei der nächsten oder übernächsten Chance auf eine Abkürzung vielleicht Glück – nicht vergessen, bei den Grünen hat das auch länger gedauert.

Wir müssen unseren Blick in die Zukunft richten… und die sieht gar nicht mal so schlecht aus, wenn man sich das Ergebnis der U18-Wahl anschaut. Dort sind wir mit 12,1% viertstärkste Kraft. Es liegt nun an uns, dass wir dieses Wählerpotenzial dauerhaft an uns binden. Problem ist dabei leider unsere Jugendorganisation. Dort gibt es Leute, die in Kreisparlamenten sitzen, ordentliche Politik machen, solche die sich im Wahlkampf den Arsch aufreißen, aber eben auch solche, die das ganze wohl nicht wirklich ernst nehmen und ziemlich frei drehen. Und auch wenn es dort insb. im BuVo zuletzt ziemlichen Streit gab, sehe ich ein viel größeres Problem im organisatorischen Aufbau und in der Verwurzelung in der Mutterpartei.

Zum einen ist der Junge Piraten e.V. eine von der Partei rechtlich unabhängige Organisation. Das hat natürlich den Vorteil, dass sie nicht so stark unter der Knute der Partei steht, wie etwa bei den Grünen, wo die Jugendorganisation etwa über das zuweisen bzw. streichen von Mitteln erpressbar ist. Ganz piratig wurde das Potenzial des Machtmissbrauchs gesehen, denn Macht ist immer was schlechtes. Das Macht- bzw. Einflussausübung in beide Richtungen funktioniert wurde dabei wohl übersehen.  Die Jupis machen somit so ziemlich ihr eigenes Ding und werden von der Piratenpartei dabei kaum beachtet, man könnte sogar sagen ignoriert. Das ist aber ein großer Fehler, brauchen wir unsere Jugendorganisation doch um den politischen Nachwuchs auszubilden und junge Wähler an uns zu binden.

Auch wenn es nur ein Baustein ist, denn wir machen müssen, so halte ich es für unbedingt notwendig, dass wir die Bindung zwischen Jupis und Piraten stärken und werde deshalb nach dem Hamburger Beispiel vorschlagen, dass einer der Beisitzer im BuVo umgewandelt wird, in den Posten des Jugendvertreters, der von den Jupis selber gewählt und vom Bundesparteitag bestätigt werden muss, damit unsere Jugendorganisation einen garantierten Sitz im Parteivorstand hat. Ebenfalls sinnvoll und überfällig ist die Herabsenkung des Eintrittsalters bei den Piraten auf 14 Jahre – ein Antrag, der meines Wissens nach schon in Bochum gestellt wurde. Dies führt zu mehr Überschneidungen bei den Mitgliedern und einer früheren Identifikation mit der Partei. Andererseits wird dies aber auch zu einer weiteren Professionalisierung innerhalb der Jupis führen, die nicht jedem dort schmecken wird. Das die Strukturen und der derzeitige Status Quo – der eher einer Duldung einer Jugendorganisation durch die Mutterpartei gleicht, als einer echten Zusammenarbeit – nicht so bleiben kann, sehen die Meisten hoffentlich ein.

Trotz unseres Wahlergebnisses gib es weiterhin Interesse an unseren Themen und an unserer Partei. Über Twitter gehen gerade Bekenntnisse herum, dass Leute gerade jetzt unserer Partei beitreten. auch auf unserer Wahlparty und an den Infoständen zuvor wollten einige unsere Stammtische besuchen kommen, auch wenn das schlechte Wahlergebnis absehbar war. Ich gebe die Hoffnung also nicht auf und ein Austritt, oder gar ein Wechsel zu einer anderen Partei kommt für mich gar nicht in Frage. Wo sollte ich auch hin? Keine andere Partei vertritt die Inhalte und Ideale, für die ich stehe, wie die Piraten. Wir müssen halt nur noch länger darauf warten, bis wir sie im Bundestag vertreten sehen.

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Kein Mensch ist eine Insel

Wir werden Limitiert. Oder viel mehr wir limitieren uns selbst. Anders kann ich es nicht nennen, wenn ich höre, dass Nintendo in einem Spiel die Möglichkeit entfernt gleichgeschlechtliche Beziehungen zu führen. Im realen Leben kämpfen wir für Gleichberechtigung und Anerkennung und auch wenn wir immer nur kleine Siege zu feiern haben kommen wir unseren Zielen immer wieder einen Schritt weiter entgegen. Bei Spielen stehen wir allerdings noch ziemlich am Anfang. Schlimmer noch: wir lassen es zu, dass uns Produkte verkauft werden, in denen wir nicht mehr bestimmen können was wir tun, sondern in denen die (Moral-)Vorstellungen der Hersteller bzw. Publisher uns den Handlungsrahmen vorgeben. Um diesen Sachverhalt zu umreißen, hab ich vorhin diesen Tweet verfasst.

These: Nach der Verwirklichung im privaten Leben, wird das Möglichmachen der Verwirklichung in Spielen das nächste große Ding.

Aber wieso das denn? Computer- und Videospiele sind doch nur Unterhaltung. Und dann auch nur für die Jüngeren. Letztendlich ist das doch nur Gedöns, den keinen wirklich interessiert. Falsch. Spiele sind weit mehr als das. Sie dienen vielen Menschen nicht einfach nur als Zeitvertreib, sie sind bereits Teil ihres Lebens geworden. Wie jedes andere Medium auch ist es in der Lage uns grundlegende Dinge über die Gesellschaft oder gar die Menschheit zu erzählen. Durch seine Besonderheit, der Interaktivität, erlaubt uns dieses Medium zudem, dass wir als Spieler ständig vor Entscheidungen gestellt werden, deren Konsequenzen erleben und unsere Entscheidungen somit zu hinterfragen. Somit bereichern Spiele unser Leben. Zudem befinden wir uns an einem Punkt, an dem man bei der Preisverleihung des Deutschen Computerspielpreises hören kann, dass inzwischen 50% der Bevölkerung spielt. Wie kann also etwas Gedöns sein, was die eben genannten Dinge vermag und die Hälfte von uns betrifft?

Spiele geben uns die Möglichkeit das zu sein, was wir wollen, aber gleichzeitig auch uns selbst abzubilden. Dies ist aber nicht Möglich, wenn ein Spiel etwa, indem es erlaubt ist Beziehungen zu führen, gleichgeschlechtliche Beziehungen ausschließt. Perfide wird es dann, wenn es damit begründet wird, es sei ein ‚Bug‘, ein Fehler im Spiel. Hierdurch wird klar, dass es Nintendo nicht passt, wenn Spieler das Spiel so nutzen wie sie es für richtig halten. Die Gründe hierfür sind mir eigentlich relativ egal. Letztendlich ist es eine Limitierung derer, die sich frei entfalten wollen und eine Diskriminierung derer, die sich selber abbilden wollen. Dies ist jedoch bei weitem nicht das einzige Problem. Die Spieleindustrie versagt eigentlich grundsätzlich, wenn es darum geht Vielfalt in Spielen abzubilden.

Warum ist das so? Nun, viel liegt daran, dass Die Hersteller und Publisher immer mehr gefallen daran finden, ihre Inhalte für geschlossene Systeme anzubieten. Da diese Systeme definieren was genutzt werden darf, verfallen viele nun auch der Illusion, dass sie entscheiden dürften wie es genutzt wird. Ein weiter, meines Erachtens viel wichtigerer Faktor ist, dass man in der Industrie sich sagt, dass man ja nur Spiele macht und somit alles der Maxime Unterhaltung unterordnet. Spiele sind aber bei weitem kein reines Unterhaltungsprodukt. Wenn man aber trotzdem so handelt, wird alles, was irgendwie mit dem Thema Vielfalt zu tun hat, oder Kontroversen beinhaltet zu einem Kostenfaktor und somit zu einem unternehmerischen Risiko. Spiele kosten Geld, sehr viel Geld. Und alles was die (überzogenen) Gewinnerwartung schmälert ist gefährlich.

Die Unternehmen sind jedoch nicht die einzigen, die an der Misere schuld ist. Wir sind es genauso. Wir sind es, die wie blöde in die Läden rennen und uns den neuesten Teil der Call of Duty-Serie holen. Wir sind es, die Spiele nicht kaufen, weil eine Frau auf dem Cover ist. Wir nehmen es hin, wenn der Großteil der nicht-weißen, nicht-männlichen, nicht-heterosexuellen Charaktere in Spielen viel zu oft eine Ansammlung von Stereotypen und Klischees sind. Wir haben kein Problem damit, wenn bestimmte religiöse oder ethnische Gruppen als ‚Gegner‘ abgestempelt werden, ohne dies zu hinterfragen. Damit sage ich nicht, dass wir alle auf Propaganda hereinfallen, allerdings geben wir uns viel zu oft mit ‚Lazy Design‘ zufrieden. Wir sind zu anspruchslos, lassen den Herstellern und Publishern zu viel durchgehen und artikulieren nicht was wir wollen.

Schuld ist aber auch die Politik, die viel zu oft mutlos ist. Wir bräuchten ein Verbraucherschutz, der uns Spieler vor dem Kontrollwünschen der Industrie bewahrt. Dies wird umso wichtiger, je mehr der Vertrieb von Spielen rein digital stattfindet. Auch versagt die Politik bei der Anerkennung und Förderung von Spielen, die sich nicht dem Mainstream unterordnen wollen. Schlimmer noch: die Politik versucht Spiele eher nach ihren eigenen Vorstellungen zu beeinflussen. Da man der falschen Vorstellung unterliegt, dass ein Spiel ein reines Kinderprodukt ist, werden Inhalte, die für unsere Kinder als ungeeignet erscheinen, ausgeblendet. Kinder sollen schließlich nur kindergerechte Spiele spielen dürfen. Wenn denn aber mal ein Spiel daherkommt, wie etwa zuletzt Spec Ops: The Line, welches das Thema Krieg deutlich kritisch angeht und eben nicht so sind, wie der typische 08/15-Kriegsshooter, dann wird er nicht gefördert. Er wird auch nicht beim diesjährigen Deutschen Computerspielpreis ausgezeichnet. Schließlich ist Krieg und Gewalt ein kontroverses Thema. Und vor allem nichts für Kinder.

Wenn dieser ganze Themenkomplex aber auch nur einen Menschen betrifft, dann geht er uns alle etwas an und auch wir alle müssen daran arbeiten, dass es besser wird. Schließlich ist kein Mensch ist eine Insel.

Podcast zum JMStV

Ich habe bei den Hamburger Piraten einen Podcast zum Thema „Jugendmedienschutz-Staatsvertrag“ gemacht. Wir gehen auch allgemein auf das Thema Jugendschutz ein, und besprechen zudem kurz einen Antrag, denn ich für den nächsten Landesparteitag am 9. März zum Thema eingereicht habe.

Das Ding mit der Plattformneutralität

In den letzten Tagen, als die Sache mit dem Flüchtlingscamp in Berlin und Frankfurt aufpopte gab es einen Tweet von Anke Domscheid-Berg, der mich ins grübeln brachte.

Polizist erklärte allen ernstes, daß das für alle gelte, auch dich und mich, niemand darf auf kissen/decke i öfftl raum sitzen.

Der Tweet bezog sich auf das harte und komplett überzogene – manche sagen gar verfassungswidrige – Vorgehen der Polizei gegenüber den Flüchtlingen, welche ihnen Schlafsäcke, Decken, Sitzgelegenheiten (u.a. Rollstühle) und teilweise gar „übermäßige“ Kleidung weggenommen haben. Das Handeln der Polizei resultiert aus einem ziemlich restriktiv formulierten Beschluss der zuständigen Behörde, welcher ziemlich hohe Auflagen dieser Mahnwache auferlegt hat. Ich möchte mich nun weniger mit dem Camp beschäftigen, zumal es eh besser geeignete Leute vor Ort gibt, oder andere die schon entschiedene Dinge dazu gesagt haben, tolle Aktionen initiiert haben, oder schauen wie man die Forderungen der Flüchtlinge umsetzen kann. Ich wollte hier eher allgemein über den obrigen Tweet sprechen und was er bedeutet.

In diesem Fall geht es nämlich um die Nutzung des öffentlichen Raumes. Viele Antworten auf den Tweet von Anked beziehen sich auf die Nutzung von Parks, Schwimmbädern oder ähnlichen Einrichtungen, die ebenfalls „öffentlicher Raum“ sind, wo man selbstverständlich Decken und ähnliches nutzen darf (und mir ist auch kein Gesetz bekannt, welches dies verbietet). Jeder darf öffentlichen Raum so nutzen wie es ihm beliebt und es gibt nur wenige Restriktionen, die einzig darauf abzielen Fehlverhalten bei dieser Nutzung zu ahnden (zumindest in der Theorie). Daneben kann ich nachvollziehen, dass man bei gewissen Formen sich Sondernutzungsrechte einholen muss, wie etwa bei der dauerhaften Aufstellung eines Zeltes. Wieso man diese aber scheinbar für Sitzgelegenheiten und Witterungsschutz brauchen soll will mir einfach nicht in den Kopf.

Die Schikanen am Pariser Platz haben letztendlich wohl nur ein Ziel: den Flüchtlingen soll die Lage so unangenehm wie möglich gemacht werden, damit sie ihre Mahnwache abbrechen. Ihnen soll somit eine fundamentale Möglichkeit, die unserer Gesellschaft bietet, genommen werden: die Nutzung des öffentlichen Raumes. Der öffentliche Raum ist aber etwas, was man als kritische Infrastruktur bezeichnen könnte, die so essentiell ist, dass eine Gesellschaft soetwas braucht um vernünftig funktionieren zu können. Dies führt mich – nun nach dieser langen Einleitung – zum Thema dieses Beitrages: der Plattformneutralität.

Es gibt innerhalb einer Gesellschaft verschiedene Allgemeingüter – kritische Infrastruktur – die ein Staat irgendwie zur Verfügung stellen muss, damit dieser überhaupt funktioniert (Straßen-, Strom-, Schienen- und Telekommunikationsnetze, Post, öffentlicher Nahverkehr, Sicherheit, Verwaltung, Schule, Gesundheitsversorgung usw.). Einige dieser Allgemeingüter kann er direkt anbieten, andere kann er (unter Auflagen) an private Anbieter abgeben. Wir von der Piratenpartei glauben, dass es deutlich mehr Dinge gibt, die man als Allgemeingüter bzw. kritische Infrastruktur klassifizieren kann und glauben zudem auch, dass wir eine bessere Gesellschaft bekommen, wenn der Staat diese bei Bedarf übernimmt (ein Einkommen z.B.). Wir glauben außerdem, dass diese Allgemeingüter jedem Menschen uneingeschränkt zur Verfügung stehen müssen und ihm keine Unüberwindbaren Hürden bei der Nutzung in den Weg gelegt werden werden sollten (Barriere- bzw. „Diskreminierungsfreiheit“).

Viele von uns haben ein Weltbild, das mehr oder minder stark von Computern und dem Internet geprägt wurde. Dort gibt es auch kritische Infrastruktur, zu der aber eigentlich jeder ohne größere Hürden Zugang erhalten kann. Oft muss man sich nur irgendwo registrieren (teilweise noch nicht mal das) und schon kann man diese Infrastruktur nutzen. Dabei spielt es keine Rolle woher man stammt, welche Sprache man spricht, oder wie hoch das eigene Einkommen ist. Nur durch eigenes Fehlverhalten kann er Zugang zu dieser Infrastruktur eingeschränkt oder unterbunden werden. Das System ist einfach und es funktioniert. Jetzt blicken wir aber auf unsere Gesellschaft und erkennen, dass die nicht nach diesen Regeln funktioniert und verspüren ein gewisses Unbehagen. Menschen werden von der Nutzung von kritischer Infrastruktur ausgeschlossen, oder dabei behindert, ohne dass ein direkt erkennbares Fehlverhalten vorliegt.

In diesem Zusammenhang etwa kann man auch meinen Antrag zum baldigen Landesparteitag zur Notruf-SMS zu sehen. Die Einführung eines solchen Systems würde insbesondere Gehörlosen und Hörgeschädigten zu gute kommen. Diese werden zur Zeit aber von diesem fundamentalen Gut einen Notruf abzusenden ausgeschlossen. Außer der direkten Kommunikation mit einem Polizisten oder der Feuerwehr (auf dem Revier/der Wache) haben diese Menschen eigentlich kaum eine direkte Möglichkeit sich dieser kritischen Infrastruktur zu bedienen. Und wenn doch, dann werden ihnen unnötige Hindernisse in den Weg gelegt, wie etwa gebührenpflichtige Telefonnummern, oder technische Hürden wie das verwenden von Faxgeräten (was insbesondere Unterwegs oder bei Gefahr im Verzuge nicht machbar ist) oder anderen verzögernde Maßnahmen (umständliche Umwandlung von SMS in ein Fax und dergleichen). Und die Gruppe die das betrifft ist nicht klein (man sagte mir Gehörlose etwa 80.000, Hörgeschädigte etwa 2 Millionen). Ähnliche Geschichten wird es bei anderen Behinderungen wohl auch geben (deren Zahl auch nicht gerade gering ist).

Man verspürt somit ein Unbehagen und ein Gefühl der Ungerechtigkeit wenn Menschen, oder gewissen Menschengruppen der Zugang zu Allgemeingütern verwehrt oder unnötig erschwert wird. Dabei fällt so viel unter den Bereich kritische Infrastruktur: Bildung, Kommunikation, Bewegungsfreiheit, gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe. Wir müssen den Leuten wieder klar machen warum es überhaupt Güter gibt die nicht einigen wenigen sondern der Allgemeinheit gehören. Das es der Gesellschaft einen Mehrwert bietet, wenn alle Zugriff auf diese Güter haben. Und dazu gehört, dass wir zu akzeptieren haben, dass Menschen auf dem Pariser Platz den öffentlichen Raum nutzen (auch wenn sie nicht dafür Bezahlt haben) und das etwa ein Urheber (oder dessen Erben) zu akzeptieren hat, dass Schutzfristen auch irgendwann mal enden, da sein Werk irgendwann einfach zum „allgemeinen Kulturgut“ einer Gesellschaft dazugehört (ich möchte keine Lizenzverhandlungen mit irgendjemanden führen müssen nur weil ich Walther von der Vogelweide zitieren will).

Wir sollten verstärkt über unser Konzept der Plattformneutralität nachdenken um  das sich immer mehr Programmanträge der Piratenpartei herum entwickeln. Unser Selbstverständnis ist nämlich längst davon beeinflusst. Ich weiß das war jetzt alles ein großer Bogen der gespannt wurde, was aber auch mit dem Thema zu tun hat, über das man sicherlich mehrere Bücher schreiben könnte. Wir sollten allerdings auch verstärkt mit diesem Thema in der Öffentlichkeit – und vor allem im Wahlkampf – auftreten, da es unser Gesellschaftsmodell beschreibt: der Mensch kann sich nur dann frei entfalten, wenn er ungehinderten Zugang zu Allgemeingütern hat. Freie Entfaltung und Chancengleichheit. Dies ist unsere politische Idee, unsere Vision – oder zumindest ist es die, an die ich glaube. Wir sollten dem ganzen nur vielleicht einen anderen Namen geben…

Gegenkommentar: Es gibt keinen Generationenkonflikt, nur einen Konflikt zwischen Spielern und Nicht-Spielern.

Einleitung: Dies ist ein Gegenkommentar zum Blogpost von gordon-creAtive auf Stigma-Videospiele.de, da ich mit einigen Punkten, insbesondere seiner Ansicht es handle sich um einen Generationenproblem, nicht voll teile. Er wurde vor der Verleihung des Computerspielpreises erstellt wurde, nun aber noch an einigen Stellen angepasst.

Machen wir uns nichts vor: Es gibt in unserer Gesellschaft Menschen von denen sich jeweils einige mehr, andere weniger mit dem Thema „Spiele“ beschäftigt haben. Dies hat natürlich dann auch Auswirkung darauf, wie sich diese Personen zum Thema Computer- und Videospiele positionieren. Dies trifft auf Spieler wie auf Nicht-Spieler genau gleich zu, was bedeutet, dass es in beiden Gruppen Leute geben wird, die sich mal so, mal so Äußern werden. Wenn nun die beiden Gruppen, die sich entgegengesetzt zum Themen Spiele positioniert haben aufeinander treffen, so wird oft gerne von einem Generationenkonflikt gesprochen. mich verwundert sowas immer. Wirft man denn nämlich mal einen Blick auf gelegentliche Onlineabstimmungen zum Themen „Killerspielverbot: Ja/Nein“, gehen diese in der Regel 60 zu 40 für ein Verbot aus. Komischer Weise entspricht diese Zahl der 40% auch in etwa der Anzahl der Spieler in Deutschland, wie etwa die Allensbacher Computer und Technikanalyse 2007, oder die Verbraucheranalyse Jugend I 2011 (42 %, zitiert nach GOMM 2012) feststellt. Schaut man sich nun die Altersstruktur an, so sind nach letzterer Quelle 38% der Spieler über 40 Jahre alt.

Wieso soll es also ein Generationenkonflikt sein, wenn beinahe 40 Prozent der Spieler mehr als doppelt so alt sind, wie der durchschnittliche Besucher den man auf der Gamescom erwartet? Klar ist der große Spielehype zur Zeit ein Phänomen, welches man hauptsächlich mit der Jugend assoziiert. Dies bedeutet aber mitnichten, dass es Computerspiele erst seit den späten Neunzigern, oder Anfang der Zweitausender gibt. Wer während des Aufkommens des C64 in Deutschland zwischen 10 und 20 Jahren alt war und dort den ersten Spielehype mitgemacht hat ist heute zwischen 40 und 50. Von diesen Menschen spielen viele heute immer noch und es sind sicherlich noch einige andere hinzugekommen. Auch ist die sogenannte „Killerspieldebatte“ keine neue Erscheinung. Sie gab es auch schon damals, hieß nur anders. Wer schon damals der Meinung war, dass die Wirkung von Spielen auf den Spieler überschätzt, unwichtig oder sogar nicht vorhanden sei, der wird in der Regel wohl auch nicht von dieser Meinung abgerückt worden sein. Warum haben wir also einen Generationenkonflikt?

Bei näherer Betrachtung fällt einem auf, dass es sich nicht um einen Generationen sondern um einen Kulturkonflikt handelt. Ein Konflikt deren Grenzen grob zwischen den Spielern und den Nicht-Spielern verläuft und nicht zwischen den Altersgruppen, sondern eher durch sie hindurch. Sicher, bei einem Anteil von nur 18% bei der Altersgruppe 50+ bedeutet dass, dass wir dort ein Anteil von 82% Nicht-Spieler haben. Bei 42% Spielern im Alter zwischen 12 und 29 haben wir aber auch dort 58% Nicht-Spieler. Die „Alten“ mögen sicherlich die größte Gruppe der Nicht-Spieler ausmachen, sie sind aber bei weitem nicht die einzigen. So müsste der weit aus größte Teil von ihnen Frauen sein (77% aller Frauen spielen nicht, laut Allensbach). Das wiederum aber vor allem ältere Herren wahr genommen werden, liegt daran, dass sich diese Gruppe am prominentesten (und aufdringlichsten) in den Medien vertreten sind, oft in Form des Unionspolitikers.

Zuletzt geschah dies nun durch Wolfgang Börnsen, medienpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Dieser beklagte sich einen Tag vor der Preisverleihung des Deutschen Computerspielpreises in einer Pressemitteilung darüber, dass die Nominierung von Crysis 2 nicht den Richtlinien des Preises entsprechen würde. Diese sagen nämlich, dass ein nominiertes Spiel kulturell und pädagogisch wertvoll sein muss (was in meinen Augen wiederum eines der größten Hindernisse für diesen Preis ist). Mit dieser Feststellung mag Herr Börnsen recht haben und auch kein Spieler würde behaupten, dass das ab 18 in Deutschland freigegebene Crysis 2 für Kinder geeignet sei. So kommen die Spieler der Generation N64, oder auch „die Jungen“, und beschweren sich über „die Alten“, dass sie ihr Medium nicht verstehen. Unterstützt werden sie dabei von Leuten wie Christian Stöcker, Jimmy Schulz, Peter Tauber und Dorothea Bär, welche wieder eher zur Generation C64 gehören. Börnsens Pressemitteilung richtet sich genau gegen diese Gruppe, „die Mittelalten“, welche mit ihrer Nominierung „die Jungen“ nun verderben würden und den Deutschen Computerspielpreis somit entweihen würden.

Das Problem bei „den Jungen“ und „den Alten“ ist allerdings, dass sie sich hier als einzig an der Thematik interessierten Gruppe wahrnehmen. Dies lässt sich anhand der Geschichte des Computerspielpreises gut veranschaulichen. Denn genau bei den Nominierungen prallen die beiden Fronten aufeinander, was schon bei der Konzeption des Preises verdeutlicht. Das die Regelung nur kulturell und pädagogisch Wertvolle Spiele auszuzeichnen das alleinige Ziel verfolgte sogenannte „Killerspiele“ zu stigmatisieren, wie nun einige behaupten sehe ich als falsch an. Diese Regelung ist eher ein Produkt der Vorstellung welche Nicht-Spieler von Spielen und Spielern haben. Für sie sind Spieler nämlich hauptsächlich Kinder und Spiele eben ein Spielzeug für jene. Bei solch einem Bild ist es natürlich verständlich, wenn es einem Unbehagen verursacht, wenn „die Industrie“ nun auf einen Markt mit Produkten vorstößt, die für Kinder gar nicht geeignet sind. Und nun soll auch noch eines dieser Produkte möglicherweise auf einer Preisverleihung ausgezeichnet werden, die sich ganz klar an Kinder und junge Erwachsene richtet? Ungeheuerlich.

Dieses Bild offenbart jedoch einen gewaltigen Denkfehler, in dem es sowohl die anderen Altersgruppen unter den Spielern ignoriert und verkennt, dass Computerspiele ein vollwertiges Medium darstellt und eben kein Kinderspielzeug. Dies verstehen Nicht-Spieler leider noch nicht. Dies bedeutet aber auch, dass wir Spieler da etwas Falsch gemacht haben. Ich appelliere somit an euch:
Spieler, Gamer oder wie ihr euch auch immer nennen wollt. Wir müssen aufhören uns als „die Jungen“ zu sehen, die einen Kampf gegen „die Alten“ austragen, denn es sind nicht sie alleine, die wir überzeugen müssen. Wir müssen vielmehr alle Nicht-Spieler überzeugen, die glauben, Spiele seien nur für Kinder. Dies sollten wir umgehend tun. Wir sollten uns allerdings, nicht versuchen die zu Überzeugen, die wir nicht Überzeugen können. Statt also zu versuchen eine Änderung oben her zu forcieren. Statt auf ein „Aussterben der Alten“ zu warten, oder zu hoffen, dass mit dem Einzug der Piraten in den Bundestag auf einmal alle Kritiker verstummen, ist meiner Meinung nach der falsche Weg. Natürlich helfen die Piraten bei der gesellschaftlichen Akzeptanz, wir sollten vielleicht aber eher eine Bottom-Up-Strategie fahren. Wir sollten es aufgeben zu versuchen einige wenige Politiker zu überzeugen, die wir eh nicht überzeugen können. Wir müssen Aktiv(er) werden und auf die breite Masse der Nicht-Spieler zugehen. Wir müssen ihnen klar machen, dass Video- und Computerspiele ein vollwertiges Medium sind, die von allen Altersgruppen konsumiert werden (wie auch Peter Tauber zurecht feststellt). Vielleicht sollten wir bei den Frauen anfangen.

Hört ihr die Signale?

Es war ja nun sehr lange ruhig. Kein Schoolshooting, kein Amoklauf, keine marodierenden Banden von Jugendlichen, welche nach einer LAN-Party raubmordend durch deutsche (oder sonstige) Innenstädte gezogen sind. An den letzten großen Ausbruch des öffentlichen moralischen Empörens über „Killerspiele“ (bitte fügen sie hier in ihren Gedanken dramatische Musik hinzu, Anm. d.Autors), mag man sich kaum noch erinnern. Das heißt nun aber nicht, dass es still um unsere Pappenheimer ist – es schreibt nur gerade keiner über sie. Die Forderungen bleiben aber bestehen und es bleiben auch die alten… und sie werden dann hervorgebracht, wenn man nicht damit rechnet.

Erst vor kurzem hat hat das „Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden“ ihre Petitionen für ein schärferes Waffenrecht und zum Verbot von „Killerspielen“ eingereicht haben – nach etwas über einem Jahr des Stimmensammelns und mithilfe von Methoden, welche man nicht unbedingt gut heißen muss – passt es natürlich, wenn sich der Innenminister Baden-Württembergs ebenfalls mal wieder zu Wort meldet. Bei einer Veranstaltung, bei der etwa 30 Lehrer an einer Fortbildung mit dem blumigen Titel „Killerspiele und Amoklauf“ teilnahmen, in der die Lehrer auch mal selber spielen sollten, polterte der Minister zum Ende der Veranstaltung mit seinen persönlichen Vorstellungen zum Thema Computerspielen. Selber gespielt hat er natürlich nicht – er würde sich wohl lieber selber die Hand abhacken, bevor er mit jener einen virtuellen Schuss abgibt. Das die Journalistendarsteller der Badischen-Zeitung dies ordentlich abfeiern und in mannigfaltig tendenziöser Sprache formulieren, war ja klar. Als Spieler ist man ja schon viel gewohnt, so dass einem ein „Wie fühlt sich an, virtuell zu töten?“ als Einleitung schon kaum noch aufregt – man stumpft dann halt doch langsam ab.

Es ist dann aber doch das, was der Herr Minister sich da zusammen reimt, welches ein jeden Aufhorchen lassen sollte. Man muss nicht zwingend Video- oder Computerspieler sein um so etwas für gefährlich zu halten. Spätestens seit Zensursula sollte ein jeder Demokrat ein komisches Gefühl in der Magengegend bekommen, wenn er etwas vorgesetzt bekommt, das nach Symbolpolitik aussieht. Nach ein paar typischen Phrasen äußert Herr Rech dann nämlich folgendes:

Ein Verbot von Killerspielen löst nicht das Problem, aber es ist ein Signal.

Richtig, Herr Minister. Bevor man gar nichts tut (was man bisher ja sehr gut geschafft hat), tut man lieber etwas, was damit überhaupt nichts zu tun hat. Aber hey, man solle sich ja nicht vorwerfen lassen, man hätte nichts unternommen. Besser kommt es natürlich noch, wenn man das was man tun möchte, auch noch selbst als Wirkungslos beschreibt. Super gemacht! Natürlich sollte es in Zeiten, in dem wir erneut bestätigt bekommen haben, dass Deutschland weltweit der drittgrößte Rüstungsexporteur ist, klar sein, dass wir unsere armen Kleinen vor den bösen Killerspielen aus den bösen USA schützen müssen.

Kriegsspiel ‚wegpädagogisieren‘, was in Deutschland spätestens seit dem 2. Weltkrieg geschah, schafft nicht den Krieg ab. Zudem wäre die Abrüstung im Kinderzimmer allein nur moralische Doppelzüngigkeit in einem Land, welches weltweit drittgrößter Rüstungsexporteur ist.

So schrieb einst Jens Wiemken 2001. Dieses Zitat lässt sich natürlich auch wunderbar auf PC-Spiele und Schoolshootings übertragen und trifft genau den Kern des ganzen. Ich kann nicht genau wissen, was Herr Rech meint, was ein Verbot genau bewirken soll. Gut, es soll ein Signal sein, aber für was? Glaubt etwa jemand ernsthaft, dass jemand vor seinem PC sitzt und sich denkt „Verdammt, Killerspiele sind verboten. Dann muss ich mir das mit meinem Amoklauf nochmal überlegen.“ Allein die Vorstellung ist grotesk.

Das Signal, dass vom Innenminister hier ausgesendet werden würde ist, dass auch in Zukunft von Menschen wie Herrn Rech nur Symptome  behandelt werden, aber keine Ursachen. Es wäre ein Signal für die Fortsetzung reiner Symbolpolitik. Und vor alle dem wäre es ein Signal dafür, dass man auch weiterhin gerne Politik für moralinsaure, erzkonservative, heuchlerische, Betroffenheit vortäuschende und dem Altersstarrsinn verfallene Spießer machen möchte, welche zu alles und jeden , was nicht in ihr Weltbild passt, erstmal die Frage stellen, ob man so etwas denn nun braucht. Und hierfür sind Vorwände wie Jugendschutz oder Straftatverhinderung die idealen trojanischen Pferde um ihre persönlichen Moralvorstellungen auf die Gesamtgesellschaft zu übertragen. Denn wir alle lieben doch unsere Kinder, nicht wahr?

Gewalttabu beim Deutschen Computerspielpreis

Anmerkung: Dieser Blogeintrag ist genau der selbe, den ich auch für den ‚Verband für Deutschlands Video- und Computerspieler‚ geschrieben habe. Ich veröffentliche ihn hier aber auch, damit hier auch mal was neues steht.

Man hätte ihn fast verschlafen können, den Deutschen Computerspielpreis, da einem im Vorfeld nur wenige Meldungen erreichten, die ihn in der Sache ankündigten. Die Tatsache, dass er überhaupt vor einigen Tagen stattfand, nahmen viele wohl erst wahr, als sich die ersten Kommentare und Presseberichte erschienen, welche über den Skandal bei den Nominierungen berichteten.

<em>„Für den deutschen Filmpreis ist dieses Jahr unter anderem der Baader-Meinhof-Komplex nominiert. Hätte ein Entwicklerstudio die RAF-Ballerorgie aus dem Hause Eichinger als Computerspiel umgesetzt, es hätte beim deutschen Computerspielpreis keine Chance gehabt. […] Spiele mit einer Altersfreigabe ab 16 oder 18 Jahren fanden sich in keiner der preiswürdigen Kategorien. Dem Thema Gewaltspiel gingen die Veranstalter somit trotz aktueller Diskussion um das Verbot von Killerspielen weitestgehend aus dem Weg“</em>

So schrieb Mirjam Hauck (<a title=“Sueddeutsche.de“ href=“http://www.sueddeutsche.de/computer/43/463649/text/&#8220; target=“_blank“>Sueddeutsche.de</a>) 2009 über den ersten Deutschen Computerspielpreis, welcher in München stattfand. Fairerweise muss man sagen, dass es damals nicht sonderlich viele Titel jenseits der USK 12 zur Auswahl gab, die man hätte nominieren und küren können. Allerdings hatte man sich in der Kategorie „Bestes internationales Spiel“ von der Fachjury „Grand Theft Auto IV“ gewünscht. „GTA IV“ wäre wegen seiner spannend inszenierten Geschichte, welche nicht mit Seitenhieben und Referenzen auf die Gesellschaft der USA geizt, ein würdiger Kandidat gewesen. Leider ist dieses Spiel auch ab 18, da wiederum die Art wie sich das Spiel inszeniert nichts für Kinder ist. Somit konnte man die Hauptjury, welche hauptsächlich aus Politikern und Pädagogen besteht, von dem Spiel nicht überzeugen. Stattdessen wurde „Little Big Planet“ und „Wii-Fit“ ausgezeichnet, zwei besonders kinder- und familienfreundliche Spiele, und man konnte ahnen in welche Richtung der Preis in Zukunft tendieren würde.

<em>„Im nächsten Jahr wird der Deutsche Computerspielpreis in Berlin verliehen. Vielleicht hilft die räumliche Nähe zum großen Bruder Filmpreis dabei, alle Facetten der Branche zu würdigen – und nicht nur Kommerz-Kuschel-Pädagogik.“</em>

So schloss Frau Hauk ihren Artikel, jedoch sollte sie Unrecht behalten. Waren die Preisträger in diesem Jahr eher unbekannt oder vorhersehbar, wie das durchaus hervorragende Aufbaustrategiespiel Anno 1404, gab es auch in diesem Jahr erneut ein Eklat bei  den Nominierten in der Kategorie „Bestes internationales Spiel“. Auch dieses Mal schlug die Fachjury Spiele vor, welche den Hauptjuroren nicht genehm waren. Bei der diesjährigen Verleihung waren die beiden Titel „Dragen Age: Origins“ und „Unchartet 2“ die auserkorenen, welche dem Preis gewissermaßen seine <em>Credibility</em> zurückbringen sollte. Ersteres Spiel ist eine etwas erwachsener Umsetzung einer Tolkien entlehnten Fantasywelt, während „Unchartet 2“ sich in Punkto Story an die Indiana Jones-Filme und in Punkto Action an die neuen James-Bond-Filme anlehnt. Doch leider waren auch dieses Jahr Spiele, in denen auch nur im Ansatz das Thema Gewaltausübung (durch die Spielfigur und somit den Spieler) dargestellt wird, nicht erwünscht. Dies erscheint nicht sonderlich verwunderlich, wenn man bedenkt, dass in der Hauptjury Personen wie Wolf-Dieter Ring, seines Zeichens Chef der Kommission für Jugendmedienschutz, vertreten sind. Dieser soll angeblich vor ein paar Jahren auf den Münchner Medientagen gesagt haben, dass das ‚gute‘ am Jugendschutz ja sei, dass auch Erwachsene nicht so einfach an die entsprechenden Produkte kommen könnten. <em>„Ring bringt zu den Jury-Sitzungen manchmal eine Assistentin mit, die geringschätzig den Kopf schüttelt, wenn einer der Jüngeren für ein Spiel spricht, in dem auch geschossen wird“</em>, schreibt Thomas Lindemann (<a title=“Welt.de“ href=“http://www.welt.de/die-welt/kultur/article7370469/Eine-Raeuberpistole.html&#8220; target=“_blank“>Welt.de</a>) in seinem Artikel im Vorfeld der diesjährigen Preisverleihung. Man kann sich also vorstellen welche Spiele hier ausgezeichnet werden und welche eher nicht.

Unter solchen Vorraussetzungen kann das natürlich nichts werden, wenn man die Jury mit Leuten besetzt, welche Computerspiele im besten Fall nur als Produkt für Kinder ansehen und nicht als ausgewachsenes Medium, welches von allen Altersklassen konsumiert und geschätzt wird. Und so kam es wie es kommen musste. Die beiden Vorschlage (zusammen mit der chancenlosen Nominierung des Puzzelspieles „Professor Layton und die Büchse der Pandora“) wurden über Bord geworfen und man beabsichtigte keinen Preis in der Kategorie „Bestes internationales Spiel“ zu vergeben. Das fanden die Branchenvertreter aber gar nicht gut und übten Druck auf die Jury aus, dass wenn sie schon die Hälfte des Preisgeldes bestreiten, man doch wenigstens ihre Titel auszeichnen solle. Dies mag man nun als Lobbyismus auslegen, erscheint einem vor dem Hintergrund, dass für das „Beste internationale Spiel“ kein Preisgeld vergeben werden (immerhin gibt es ansonsten insgesamt 500.000€ zu gewinnen) doch eher wie ein Hilferuf, dass man Computerspiele endlich ernst nehmen solle. Letztendlich gewonnen hat Anno 1404 ein zweites Mal — da es kurzerhand unter seinem internationalen Namen „Dawn of Discovery“ nachnominiert wurde.

Dabei hatte man sich diese Jahr vorgenommen es besser zu machen als beim letzten Mal. Die Ausrichter des Preises waren anwesend und auch die Politik (in Form von Kulturstaatsminister Bernd Neumann und Bürgermeister Klaus Wowereit) war anwesend und nicht so wie im letzten Jahr, als Ministerpräsident Horst Seehofer kurz vor Beginn absagte (er war angeblich lieber auf einer Veranstaltung eines Schützenvereins). Auch wurden im Vorfeld keine provokanten Pressemitteilungen von Politkern veröffentlicht, welche unter dem Eindruck von dem Amoklauf von Winnenden entstanden. Man hatte dieses mal vernünftige Laudatoren organisiert (u.a. die beiden Moderatoren Simon und Budi von MTV GameOne, Schauspieler Matthias Schweighöfer, Sänger Oli P. sowie die Moderatorin der 3sat-Sendung „neues“ Yve Fehring). Doch dies alles kann nicht über den grundlegenden Konflikt innerhalb der Preisvergabepraxis hinwegtäuschen. Eine Jury die nach eigenem Gutdünken, ohne die Spiele zu kennen, über die sie urteilt und sie nach persönlichen Moralvorstellungen aussortiert, ist keine gute Jury.

Erst vor kurzem lobte Staatsminister Neumann den neusten Film von Quentin Tarantino ,„Inglourious Basterds“. Beim Deutschen Computerspielpreis legte Neumann jedoch besonderen Wert darauf, dass die Nominierten „pädagogisch Wertvoll“ seien sollen. Ob Tarantinos Streifen nun ein guter Film ist oder nicht, sei erst einmal dahingestellt, jedoch erscheint es merkwürdig, wenn beim Medium Computerspiel andere Maststäbe angesetzt werden als beim Medium Film. Man kann halt nicht Wasser predigen und dann selber Wein trinken, wenn es gerade opportun ist (auch wenn wir uns alle über den Oscar für Christoph Waltz gefreut haben). Beim nächsten Mal können die Veranstalter zeigen, ob sie etwas aus diesem Jahr gelernt haben. Dann wird die Jury über Titel wie „Heavy Rain“ urteilen, einer der ersten Spiele aus der Kategorie „interaktiver Film“. Sollten jedoch wieder Spiele aussortiert und durch andere ersetzt werden, welche eher der Sauberkeitsvorstellung der Hauptjury entsprechen, ist der Deutsche Computerspielpreis endgültig zur Preisverleihung für <em>Kommerz-Kuschel-Pädagogik</em> verkommen und wird in die Bedeutungslosigkeit abdriften.

Da von der Seite der Politik oder der Jugend- und Sittenwächter so schnell keine Besserung in Sicht ist, sollte man an die Vertreter der Branche und aus der Fachjury appellieren, sie möge sich darüber Gedanken machen, ob sie nicht vorher schon die Notbremse ziehen möchte. Wenn man es bei diesem Preis nicht schafft, dass jedwedes Spiel ausgezeichnet werden kann, sondern das er ein „moralisch unbedenklicher Kinderspielpreis“ bleibt, wird es vielleicht Zeit zu überlegen, ob die dort eingesetzte Energie, Zeit und Gelder nicht an anderer Stelle besser aufgehoben ist. Mehr Akzeptanz von Computer- und Videospielen als eigenständiges Medium und als vollwertiges Kulturgut wird man nämlich nicht erreichen, wenn man sich vor unbequemen Themen verschließt – zumal das bei anderen Preisverleihungen, wie zum Beispiel in der Filmbranche, auch nicht der Fall ist. Solch eine Preisverleihung wie in den vergangenen beiden Jahren ist weder der Branche, der Fachjury, der anwesenden Fachpresse, dem Publikum, den Spielen noch letztendlich den Spielern angemessen.



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